Philosophischer Daoismus


Der philosophische Daoismus
Das Fundament des Daoistischen Wing Chun Chuan

Einleitung:

Jede Antwort beendet eine Frage.
Jede Erkenntnis eröffnet eine neue.

Warum gelingt manches scheinbar mühelos, während anderes trotz größter Anstrengung scheitert?
Warum vermag das weiche Wasser über Jahrhunderte selbst den härtesten Felsen zu formen?
Warum bleibt ein junger Baum im Sturm stehen, während ein alter, starrer Stamm zerbricht?

Fragen wie diese beschäftigen die Menschheit seit Jahrtausenden.
Die hierbei entscheidende Frage ist, wie man zu einer tragfähigen Antwort gelangt.

Genau an diesem Punkt setzt der philosophische Daoismus an.
Der philosophische Daoismus gehört zu den ältesten Denktraditionen Chinas.
Sein Ausgangspunkt ist die Beobachtung der Natur.
Seine Ursprünge reichen mehrere Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung zurück und werden insbesondere mit dem Gelehrten Lao Zi und dem ihm zugeschriebenen Daodejing in Verbindung gebracht.
Dieses Werk versteht sich jedoch nicht als Lehrbuch im klassischen Sinne. Es enthält weder eine systematische Philosophie noch eine Sammlung verbindlicher Regeln oder eine Anleitung, die dem Menschen Schritt für Schritt erklärt, wie er zu leben hat.
Vielmehr lädt es dazu ein, selbst zu beobachten, Zusammenhänge zu erkennen und daraus eigene Einsichten zu gewinnen.

Prinzipien:

Entwicklung geschieht dort am nachhaltigsten, wo sie den natürlichen Gegebenheiten folgt.
Aus dieser Beobachtung entsteht der zentrale Begriff des Dao (道).
Im Deutschen wird Dao häufig mit „Weg“ übersetzt. Diese Übersetzung vermittelt einen ersten Eindruck, greift jedoch zu kurz. Das Dao bezeichnet keinen vorgeschriebenen Lebensweg und auch keine bestimmte Weltanschauung. Es beschreibt vielmehr die natürliche Ordnung, nach der sich alle Dinge entfalten.
Diese Ordnung besteht unabhängig davon, ob der Mensch sie erkennt oder nicht. Aufgabe des Menschen ist es daher nicht, sie zu erschaffen, sondern sie zu verstehen.
Der philosophische Daoismus fragt daher nicht zuerst, wie der Mensch die Welt verändern kann. Er fragt zunächst, wie die Welt tatsächlich beschaffen ist.
Erst wenn ihre Gesetzmäßigkeiten verstanden werden, lässt sich verantwortungsvoll und wirksam handeln.

Aus demselben Grund spielt auch das Prinzip des Wu Wei (無為) eine zentrale Rolle.
Es wird häufig mit „Nicht-Handeln“ übersetzt und dadurch missverstanden. Gemeint ist weder Untätigkeit noch Gleichgültigkeit.
Wu Wei beschreibt vielmehr ein Handeln, das sich an den Gegebenheiten orientiert, anstatt gegen sie anzukämpfen. Es bedeutet, in einer Situation das angemessene Maß des Handelns zu finden.

Ein weiterer Grundgedanke zeigt sich im Prinzip von Yin und Yang (陰陽).
Diese Begriffe stehen nicht für Gut und Böse oder für zwei unversöhnliche Gegensätze. Sie beschreiben Eigenschaften, die einander ergänzen und erst gemeinsam ein Ganzes bilden.
Bewegung setzt Ruhe voraus. Festigkeit erhält ihren Wert erst durch Fehlen von Nachgiebigkeit.
Einatmung und Ausatmung gehören ebenso zusammen wie Angriff und Verteidigung.
Wer Yin und Yang nur als Gegensätze versteht, übersieht ihren eigentlichen Sinn.
Erst ihr Zusammenspiel ermöglicht Entwicklung.
Wer aufmerksam beobachtet, entdeckt, dass viele scheinbare Gegensätze einander nicht widersprechen, sondern sich gegenseitig ermöglichen.

Philosophie bedeutet deshalb nicht, möglichst viele Antworten zu besitzen.
Sie bedeutet vielmehr, die Wirklichkeit so genau zu beobachten, dass aus dieser Beobachtung die richtigen Fragen entstehen.
Mit jeder beantworteten Frage eröffnen sich neue Zusammenhänge, die wiederum zu einem tieferen Verständnis führen.
Erkenntnis ist deshalb kein endgültiges Ziel, sondern ein fortwährender Weg.

Philosophischer und religiöser Daoismus:

Wer sich zum ersten Mal mit dem Daoismus beschäftigt, begegnet häufig zwei unterschiedlichen Beschreibungen. Die einen sprechen vom philosophischen Daoismus, die anderen vom religiösen Daoismus.
Daraus entsteht leicht der Eindruck, es handele sich um zwei verschiedene Lehren oder sogar um einen Widerspruch.
Tatsächlich gehen beide auf denselben Ursprung zurück.
Als Lao Zi das Daodejing verfasste, entstand keine Religion. Weder gründete er eine Glaubensgemeinschaft noch schuf er Tempel, Priesterschaften oder religiöse Rituale.
Seine Überlegungen richteten sich vielmehr an jeden Menschen, der bereit war, die Natur aufmerksam zu beobachten und aus ihren Gesetzmäßigkeiten zu lernen.
Auch die später entstandenen Schriften Sun Zis und Huang Dis folgen diesem Ansatz.
Obwohl sie sich unterschiedlichen Themen widmen, verbindet sie dieselbe Fragestellung:
Welche Gesetzmäßigkeiten lassen sich in der Natur erkennen, und welche Bedeutung besitzen sie für das menschliche Handeln?
Diese Fragen bilden den gemeinsamen Ursprung des frühen Daoismus.

Erst mehrere Jahrhunderte später entwickelte sich aus diesen philosophischen Grundlagen eine eigenständige religiöse Tradition. Mit der Entstehung daoistischer Tempelgemeinschaften kamen religiöse Rituale, Gottheiten, Priesterschaften und spirituelle Praktiken hinzu.
Viele Gedanken des frühen Daoismus blieben dabei erhalten und wurden in einen religiösen Zusammenhang eingebunden.

Der religiöse Daoismus entstand daher nicht als Gegensatz zum philosophischen Daoismus. Beide gehen auf dieselben Wurzeln zurück, verfolgen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.
Der philosophische Daoismus beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie der Mensch die Gesetzmäßigkeiten der Natur erkennen und daraus verantwortungsvoll handeln kann.

Der religiöse Daoismus befasst sich darüber hinaus mit Fragen des Glaubens, religiösen Lebens und ritueller Praxis.
Aus diesem Grund sollte die Unterscheidung zwischen beiden Richtungen niemals als Bewertung verstanden werden. Beide haben die chinesische Kultur über Jahrtausende geprägt.